
Bericht aus dem „Das Magazin“
des Zürcher Tagesanzeiger
Samstag 4. Mai 2002
Ein Tag im Leben
Marcel Rohrer, 33, ist Konditor-Confiseur und
Vater.
Seine Leidenschaft gilt dem Country Western Dance.
Er ist Präsident eines Country Western Dance Club.
Wenn
ich kurz vor fünf aufstehe, mache ich das Normale. Duschen und anziehen.
Das Morgenessen gibt es in der Konditorei; ich bin Konditor-Confiseur. Selbst
wenn ich zur Arbeit gehe, trage ich immer meine Boots. Die Countryszene
ist ganz lässig. Wir sind ein eigenes Volk. Man ist lockerer, und
man kleidet sich auch ein bisschen anders. Mich zum Beispiel erkennen
viele Leute nur mit Hut. In unserem Dance Club hat es alles dabei: Sekretärinnen,
Hausfrauen, Elektriker, sogar einen Bankdirektor haben wir, und wir hören alle
die gleiche Musik. Die Leute denken immer gleich an Johnny Cash, und sein
“Country Road“-Lied. Das ist aber überhaupt nicht unsere Musik.
Unsere Musik ist modern und zum Teil recht röckig. Garth Brooks oder
Tracy Birds zum Beispiel.
Wir tanzen vor allem Line Dance. Der Vorteil ist, dass man dazu keinen Partner braucht. Line Dance kann man eigentlich alleine tanzen. Aber es müssen schon mindestens fünf sein, damit es nach etwas aussieht. In unserem Team, mit dem wir schon mehrmals Schweizer Meister und jetzt gerade Fünfte an der WM geworden sind, tanzen sechzehn Leute mit. Im Line Dance gibt es über 8ooo verschiedene Schrittfolgen. Für einen Tanz braucht es meistens 32 oder 64 Schritte. Die repetiert man dann immer wieder, bis das Stück fertig ist. Wir tanzen inzwischen zirka 130 verschiedene Tänze. Viele sind sogar zu Popmusik.
Zum Country und Western Dance gekommen bin ich in Kanada. 1994 arbeitete ich für ein Jahr als Konditor-Confiseur in einem Hotel in Lake Louise. In der nächsten Ortschaft, das war 5o Kilometer weiter, hatte es einen Saloon. Als ich einmal zufällig an einem Mittwoch dort war, gab es einen Line-Dance-Tanzkurs. Ich getraute mich nicht mitzumachen, sondern schaute nur zu. Von da an ging ich aber jeden Mittwoch hin. Als ich zurück in die Schweiz kam, gründete ich ziemlich bald mit zwei Kolleginnen unseren Club „Rising Moon“. Wir drei arbeiteten damals in derselben Bäckerei-Konditorei. Oft übten wir in der Backstube die neusten Tänze.
Meine Frau habe ich im „Bonanza“ kennen gelernt. Geheiratet haben wir natürlich im Country- und Westemlook. Ich mit Cowboyhut, und sie hat sich ein Kleid bestellt aus dem Westernkatalog. Die Hochzeitsreise machten wir nach Alaska und Kanada. Und dort bin ich mit ihr an einem Mittwoch in diesen Saloon gefahren, wo alles angefangen hat. Meine Frau macht auch mit in meinem Club. Im Moment müssen wir aber etwas zurückstecken, denn an Weihnachten ist unser zweites Kind zur Welt gekommen. Wenn ich am Nachmittag so um halb fünf von der Arbeit nach Hause komme, kümmere ich mich um die Kinder. Ich bin auch meistens derjenige, der kocht. Oft übe ich nach dem Essen einen Dance ab Blatt. Meine knapp zweijährige Tochter hüpft dann jeweils auch mit. Wenn die Kinder im Bett sind, setze ich mich an den PC und kümmere mich um die Homepage der Swiss Country and Western Dance Association, führe den Tanzkalender nach oder beantworte E-Mails. Pro Woche kommen schnell einmal zwanzig Stunden zusammen. Wir machen mit „Rising Moon“ ja auch noch Auftritte.
Ich bin einer, der schnell einschläft, wenn er ins Bett geht. Viele Gedanken hab ich da nicht mehr, da es meistens schon gegen Mitternacht ist.
Text: Flona Strebel (fionas@freesurf.ch)
Bild: Andri Pol (apol@bluewin.ch)
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